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TekerĆlant
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TekerĆlant (ungarisch, âDrehleierâ), auch tekerĆ, forgĂłlant, ist eine Drehleier mit einem gitarrenförmigen flachen Korpus und meist drei Saiten, die in der ungarischen Volksmusik gespielt wird. Die frĂŒher in Osteuropa weit verbreitete und in Ungarn im 16. Jahrhundert erstmals erwĂ€hnte Drehleier wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts als Volksmusikinstrument vor allem in der ungarischen Tiefebene beliebt. In der Tanzmusik des 19. Jahrhunderts spielten halbprofessionelle Musiker auf dem Land die tekerĆlant hĂ€ufig zusammen mit einer Klarinette. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die tekerĆlant nahezu verschwunden. Seitdem wird sie wieder solistisch und zur Gesangsbegleitung verwendet.
Contents
âą Bauform
âą Spielweise
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Herkunft und Verbreitung
Da die Drehleier wie die wesentlich Ă€ltere Sackpfeife ein Borduninstrument ist,cite-ref-1[1] lag es nahe, ihren Ursprung im Mittelmeerraum und in Asien zu suchen, wo ein Bordunton oder zumindest ein tonales Zentrum zum Wesen der Musik gehört.cite-ref-2[2] Als Vorbilder erscheinen Instrumente wie das antike Rohrblattinstrument aulos oder die weit verbreiteten Doppelflöten mit einer Bordunpfeife. In diesem Zusammenhang sollte der Instrumententyp der Drehleier auf eine Instrumentenliste der muslimischen Bruderschaft Ichwan as-Safa, die im 10. Jahrhundert in Basra wirkte, zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Eines der darin gelisteten Musikinstrumente, die einen Dauerton produzieren, wurde mit einer 1405 fertiggestellten Beschreibung eines Musikinstruments des persischen Autors Ibn GaibÄ« (â 1435) gleichgesetzt, in der Henry George Farmer 1962 eine Drehleier zu erkennen glaubte.cite-ref-3[3] Diese Zuschreibung ist laut Christopher Page ebenso wenig stichhaltig, wie sich ein arabischer Import der Drehleier nach Spanien im Zuge der islamischen Eroberung nachweisen lĂ€sst.cite-ref-4[4] Die Bordunspielweise, die Ausgangspunkt fĂŒr die Entwicklung der Drehleier ist, findet sich aber bei zweisaitigen Langhalslauten, die in der Volksmusik auf dem Balkan gespielt werden und deren Name ĂŒbersetzt âmit zwei Saitenâ lautet: mazedonisch dvotelnik, bei den TĂŒrken in Mazedonien ikitellicite-ref-5[5] und in Albanien çiftteli. Der Spieler greift auf einer Seite die Melodie und zupft zugleich die andere leere Saite. Dies entspricht musikalisch den von Hirten verwendeten Doppelflöten und Sackpfeifen. Bordunsaiten prĂ€gen ferner das gesangsbegleitende Spiel des im 15./16. Jahrhundert beliebten Streichinstruments Lira da Braccio.
UnabhĂ€ngig von dieser aus der Volksmusik herrĂŒhrenden Spielweise stellt die Form der Drehleier eine Weiterentwicklung des musikologischen Zwecken dienenden und von Mönchen zur Begleitung gesungener Verse verwendeten Monochords dar. Die frĂŒhesten Darstellungen von Drehleiern aus dem 12. Jahrhundert gehören nicht in das lĂ€ndliche, sondern in das kirchliche Umfeld. Die Ă€ltesten, organistrum genannten Drehleiern, die von zwei Spielern zu bedienen waren, halfen möglicherweise den Mönchen bei der korrekten Intonation beim EinĂŒben neuer Lieder, wobei der SĂ€nger die Tasten gedrĂŒckt und sein Lehrer die Kurbel gedreht haben könnten.cite-ref-6[6] Seit dem 13. Jahrhundert zeigen die vor allem aus Frankreich und Deutschland stammenden Abbildungen die bis heute bekannten allgemeinen, aber in ihrer Ausgestaltung vielfach variierten Merkmale, zu denen ein kastenförmiger Korpus, Drucktasten mit Tangenten, um die drei, vier oder spĂ€ter mehr Saiten zu verkĂŒrzen, und ein geharztes Streichrad, das mit einer Kurbel angetrieben wird, gehören.cite-ref-7[7]
Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert war die Drehleier offenbar ein angesehenes Instrument in kirchlichen Kreisen und in Klöstern, bevor sie im SpĂ€tmittelalter in einer kleineren, von einer Person zu bedienenden Bauart zu einem symphonia genannten Begleitinstrument der Spielleute wurde. Bald gehörte sie zur Ausstattung der blinden StraĂensĂ€nger und Bettler, MĂ€nnern wie Frauen.cite-ref-8[8] Michael Praetorius schrieb im Zusammenhang mit diesem sozialen Abstieg in Syntagma musicum (1615) von einer âBauern und umblaufenden Weiber-Leyerâ.cite-ref-9[9] Im lĂ€ndlichen Raum war die Drehleier darĂŒber hinaus bis ins 19. Jahrhundert ein Bestandteil des Volksmusikinstrumentariums. Im 15./16. Jahrhundert erfuhr die Drehleier die gröĂte Ausbreitung in Europa. Sie gelangte im Norden bis nach Island, wo sie spĂ€testens in der ersten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts als fon (oder simfon, von symphonia) bekannt war, und im 15. Jahrhundert als lira ĂŒber Polen (heute lira korbowa) in die Ukraine und von dort weiter nach Russland (lira, relya) kam. Speziell in Frankreich, wo die Drehleier als Volksmusikinstrument besonders geschĂ€tzt wurde, fand sie im 18. Jahrhundert Eingang in die höfische Musik, neben der Fidel (viĂšle) und der damals in Mode gekommenen kleinen Sackpfeife musette.cite-ref-10[10] Heute wird die Drehleier nur noch in wenigen Regionen in Europa in einer ununterbrochenen Tradition in einer Volksmusik gespielt. Zu diesen gehören hauptsĂ€chlich in Zentralfrankreich die historischen Provinzen Berry, Bourbonnais und Auvergne,cite-ref-11[11] die Gegend um Krosno an der polnisch-slowakischen Grenze und das Verbreitungsgebiet der tekerĆlant in der ungarischen Tiefebene. Weniger bekannt ist die ninera in der Slowakei.
In Ungarn wird die aus Westeuropa eingefĂŒhrte Drehleier erstmals zuverlĂ€ssig in schriftlichen Zeugnissen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erwĂ€hnt. Bis in das 11. Jahrhundert zurĂŒckreichende Kodizes, in denen die Namen simphonia und quinterna (ungarisch kintorna) erwĂ€hnt werden, gelten als fragwĂŒrdige Quellen. Quinterna steht im 16. Jahrhundert fĂŒr eine Zupflaute Ă€hnlich der Mandora, wĂ€hrend Ungarisch kintorna im 19. Jahrhundert âDrehleierâ, ansonsten âDrehorgelâ, bedeuten konnte; in den beiden fraglichen ungarischen Kodizes war aber vermutlich eine Art Psalterium mit zehn Saiten gemeint. Die Ă€lteste ungarische Abbildung einer Drehleier stammt aus dem 17. Jahrhundert und findet sich auf dem Wappen der Familie Lantos (âLautenspielerâ, fĂŒr Musiker war Lantos ein mit Stolz ergĂ€nzter Namenszusatz). PopulĂ€r wurde die Drehleier wohl erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts und ihre typische Form dĂŒrfte sie erst im 19. Jahrhundert erhalten haben, als wĂ€hrend der Monarchie Ăsterreich-Ungarns Wanderarbeiter einen Tiroler Drehleiertyp einfĂŒhrten. Ob der heute typisch-ungarischen Form der Drehleier ein Tiroler Vorbild zugrunde liegt oder ob beide auf Ă€ltere slawische VorlĂ€ufer zurĂŒckgehen, lĂ€sst sich nicht sagen. GestĂŒtzt wird die These einer österreichischen Herkunft durch die Feststellung, dass in jenen Gebieten, in denen die moderne Form der tekerĆlant Ende des 19. Jahrhunderts vorkam, groĂe öffentliche Bauprojekte mit österreichischen ArbeitskrĂ€ften durchgefĂŒhrt wurden.
Bauform
Die Namen tekerĆlant und forgĂłlant sind von Ungarisch tekerni und forogni, âdrehenâ abgeleitet, lant bedeutet âLauteâ. Die ĂŒbliche Kurzform ist tekerĆ (âGedrehtesâ). Weitere umgangssprachliche Namen mit Bezug auf die Form oder Funktion des Instruments sind tekerĆhegedƱ (âDrehgeigeâ), tekerĆmuzsika (âDrehmusikâ), szentlĂ©lekmuzsika (âHeiliger-Geist-Musikâ), kolduslant (âBettlerlauteâ) und parasztlant (âBauernlauteâ). Onomatopoetische Benennungen sind nyenyer, nyenyere (abwertend), nyekere und nyekerĆ.cite-ref-13[13]
Die tekerĆlant ist eine relativ groĂe Drehleier mit einem gitarrenförmigen Korpus, an dessen taillierten LĂ€ngsseiten mehr oder weniger deutlich die VerbindungsbĂŒgel zwischen den einzelnen Zargenelementen erkennbar sind. Diese Korpusform ist die Ă€lteste und am weitesten verbreitete. Die GesamtlĂ€nge betrĂ€gt 70 bis 77 Zentimeter. Die Decke ist flach oder leicht gewölbt, in LĂ€ngsrichtung fĂ€llt sie geringfĂŒgig zum Wirbelkasten hin ab; das heiĂt, die Zarge ist am unteren Ende etwas höher als am oberen. Aus dem ungefĂ€hr quadratischen Wirbelkasten (kulcsszekrĂ©ny, âSchlĂŒsselschrankâ oder kulcshĂĄz, âSchlĂŒsselhausâ) ragen meist vier krĂ€ftige, 15 Zentimeter lange Wirbel (kulcs, âSchlĂŒsselâ) aus Buchsbaumholz nach oben, deren Kopf breit abgeflacht ist wie bei der Violine. An den Wirbelkasten schlieĂt der in der Mitte auf der Decke aufgesetzte Tastenkasten (kottahĂĄz, âNotenhausâ) an. WĂ€hrend Drehleiern in Frankreich und Spanien groĂe ScheibenrĂ€der besitzen (mit Durchmessern ĂŒber 17 Zentimeter wie bei der galicischen zanfona), sind die RĂ€der der nord- und osteuropĂ€ischen Drehleiern wie etwa der schwedischen vevlira meist kleiner und messen weniger als 15 Zentimeter im Durchmesser. Kleinere RĂ€der verweisen auf eine Ă€ltere Entwicklungsstufe, weil fĂŒr die frĂŒher aus Massivholz gefertigten RĂ€der ungefĂ€hr 14 Zentimeter der gröĂtmögliche Durchmesser war, wenn man durch die Ausdehnung des Materials bei Feuchtigkeitszunahme nicht zu starke FormĂ€nderungen in Kauf nehmen wollte. Bei kleinem Raddurchmesser ist aber die Saitenzahl beschrĂ€nkt, weshalb solche Drehleiern nur drei Saiten besitzen.cite-ref-14[14] Das Scheibenrad (kerĂ©k, âRadâ) wird ĂŒber eine Achse von einer Handkurbel am unteren Ende angetrieben.
Der flache Korpusboden (hĂĄtlap, âHinterplatteâ oder alap, âGrundâ) wird aus den reiĂfesten, aber ansonsten verschiedenartigen Hölzern Ahorn, Pappel oder Essigbaum in einer StĂ€rke von etwa 7 Millimetern ausgeschnitten. Umlaufend am Rand wird eine 4 Millimeter tiefe Rille eingeschnitten, sodass spĂ€ter die 3 Millimeter starken, gebogenen Segmente der Zargen (oldallap, âSeitenplatteâ oder oldaldeszka, âSeitendeckeâ) Halt finden. Ebenso werden an der Bodenplatte Aussparungen fĂŒr die breiteren Verbindungsteile der Zargen â zwei an jeder LĂ€ngsseite und eines an der Mitte des unteren Endes â eingetieft. Zwei etwa 18 Zentimeter lange Hartholzplatten verlĂ€ngern den Korpus am oberen Ende und bilden die SeitenwĂ€nde des Wirbelkastens. Sind diese senkrecht auf die Bodenplatte geleimt, werden die Zargen aus Pappel-, Ahorn- oder Tannenholz gebogen, in die Rillen eingepasst und ebenfalls verleimt. Eine quer vor dem Wirbelkasten eingesetzte Platte aus 8 Millimeter starkem Hartholz bildet den oberen Abschluss des Korpus. Mehrere lĂ€ngs und quer zwischen die Zargen eingepassten Leisten sollen fĂŒr eine stabile Befestigung des Scheibenrades und der Kurbel sorgen. Eine senkrechte StĂŒtze vor dem Rad verbindet die Konstruktion mit der Bodenplatte. Das etwa 17 Millimeter starke Scheibenrad wird aus Birnenholz gedrechselt und am AuĂenrand sorgfĂ€ltig glatt geschliffen. Ein quadratisches Loch im Zentrum dient zur Aufnahme der eisernen Kurbelachse, die von auĂen eingesetzt wird. Die Kurbel (hajtĂł, âAntreiberâ) ist kreis- oder S-förmig geschwungen und endet in einem drehbaren Knauf (gomb, âKopfâ) aus Hartholz, der so groĂ ist, dass er mit der Hand umschlossen werden kann. FrĂŒher bestand die Kurbel aus Gusseisen, heute wird meist Messing verwendet. Die nun aufgeleimte Korpusdecke (tetĆ, âDeckeâ) aus 4 bis 6 Millimeter starkem Tannenholz besitzt keine sichtbaren oder nur zwei kleine, kreisrunde Schalllöcher (hanglyuk) im unteren Bereich.
Ist das Instrument soweit fertiggestellt, wird der langrechteckige Tastenkasten aufgesetzt, der im Vergleich mit französischen Drehleiern breiter ist und die komplette Mechanik umschlieĂt. Die Tasten (kotta, âNotenâ) befinden sich, wie bei Drehleiern ĂŒblich, an der linken, vom Spieler abgewandten Seite. Ăltere diatonische Instrumente aus dem 19. Jahrhundert verfĂŒgen ĂŒber eine Tastenreihe (kottasor, âNotenreiheâ), die den weiĂen Tasten am Klavier entspricht, bei chromatischen Drehleiern ist darĂŒber eine nach innen versetzte, zweite Tastenreihe fĂŒr die zusĂ€tzlichen Halbtöne angebracht. Beide Tastenreihen ergeben eine Klaviertastatur. Damit die Tasten gegen seitliche Bewegungen gesichert sind, werden sie durch quadratische Aussparungen in lĂ€ngs eingesetzten Brettern gesteckt. Die oberen Tasten fĂŒhren durch Aussparungen in einem links von der Melodiesaite eingebauten LĂ€ngsbrett, die unteren Tasten verlaufen unter diesem Brett hindurch und durch Ăffnungen in einem weiteren Brett dahinter auf der rechten Seite. Anders als bei französischen Drehleiern mit nebeneinanderliegenden, kantigen Tasten sind die Tasten bei der tekerĆlant gerundet und mit kleinen AbstĂ€nden angebracht.cite-ref-15[15] Ihre Form ist rechteckig oder T-förmig. In jeder Taste ist im hinteren Bereich an der Oberseite eine Tangente aufgesteckt, die beim EindrĂŒcken der Tasten die Melodiesaite von der Seite berĂŒhrt und so deren SchwingungslĂ€nge begrenzt. Die Tangenten (kottalevĂ©l, âNotenblattâ oder kottakölök, âNotenkindâ) haben die Form kleiner FĂ€hnchen und können in ihrer Bohrung leicht gedreht werden, um die Tonhöhen feinzustimmen. Beim Spielen wird das Instrument etwas zur Tastenseite nach unten gedreht. Kurze Zapfen auf den Tasten dicht hinter der linken Wand des Kastens verhindern, dass die Tasten zu weit herausrutschen. Der auf die Decke aufgeleimte Tastenkasten erhĂ€lt zum Schutz einen aufklappbaren, gewölbten Deckel (kĂĄrmentĆ, âSchadenverhĂŒterâ). Eine weitere, abnehmbare Abdeckung schĂŒtzt das Scheibenrad (kerĂ©kfedĆ, âRaddeckelâ). Sie besteht aus einem halbrunden elastischen Holzstreifen, der zwischen Begrenzungen an beiden Seiten eingeklemmt wird.cite-ref-16[16]
Ăblicherweise wird die tekerĆlant nur mit drei Saiten ausgestattet, auch wenn vier Wirbel vorhanden sind. Die Melodiesaite (prĂm) verlĂ€uft in der Mitte ĂŒber das Scheibenrad zu einem Saitenhalter. Die höhere der beiden Bordunsaiten auf der rechten Seite fĂŒhrt ĂŒber einen speziellen Schnarrsteg am unteren Ende und wird recsegĆ (âSchnarreâ, âSchnarrendeâ) genannt, an der linken Seite verlĂ€uft die Basssaite (bĆgĆ, âBassâ). Der Steg der rechten Bordunsaite besteht aus einem 10 Ă 25 Ă 3 Millimeter groĂen StĂŒck Hartholz, das mit einem kleinen Zapfen an einem lĂ€ngs auf der Decke aufgeleimten HolzbĂŒgel, dem SchnarrstĂ€nder (recsegĆĂĄllvĂĄny), lose verbunden ist. In den Zwischenraum zwischen Decke und SchnarrstĂ€nder wird schrĂ€g abstehend ein HolzplĂ€ttchen (Schnarrkeil, recsegĆ-Ă©k) gesteckt, sodass dieses zwischen der unteren Saitenbefestigung und dem Steg mit einem leichten Druck auf der Saite aufliegt. Wenn die Saite beim Spiel ertönt, ĂŒbertragen sich ihre Schwingungen auf den lose stehenden Steg, der nun bestĂ€ndig gegen die Decke schlĂ€gt und ein schnarrendes GerĂ€usch produziert. Durch Justieren des HolzplĂ€ttchens kann die StĂ€rke des Schnarrtons verĂ€ndert werden. Schnarrstege kommen bei manchen Drehleiern von Frankreich bis nach Osteuropa vor, auch bei der slowakischen ninera, und sind unabhĂ€ngig von der GröĂe des Rades. Die Konstruktion der Scharrvorrichtung bei der tekerĆlant unterscheidet sich jedoch von der französischer Drehleiern. Bei den ĂŒbrigen in slawischsprachigen Gebieten vorkommenden Drehleiern fehlen hingegen Schnarrstege.cite-ref-17[17]
Als Saitenmaterial verwendet man heute meist die A- oder G-Saite eines Cellos. Damit sich die Saiten am mit Harz (Kolophonium) eingeriebenen Scheibenrad nicht allzu rasch abnĂŒtzen, werden sie an dieser Stelle mit etwas Watte umwickelt. Die Melodiesaite bei der dreisaitigen tekerĆlant ist auf e1 gestimmt, die Schnarrsaite auf a und die Basssaite eine Oktave tiefer auf A. Bei frĂŒheren fĂŒnfsaitigen Instrumenten waren zwei Melodiesaiten (beide e1), eine Bordunsaite (a), eine Schnarrsaite (a) und eine Basssaite (A) vorhanden. Eine viersaitige Drehleier besaĂ nur eine Melodiesaite (e1) und die gleichen Bordunsaiten. Die Melodiesaite hat einen Tonumfang von zwei Oktaven (bis e3), den die meisten Spieler nur bis zu a2 ausnĂŒtzen, weil die oberen Töne bei vielen Instrumenten schlecht klingen. Obwohl die Drehleiern prinzipiell chromatisch gestimmt sind, fehlen oftmals die Halbtöne b1 und b2 sowie dis3.cite-ref-18[18] Eine andere Stimmung fĂŒr ein dreisaitiges Instrument ist: Melodiesaite fis1, Schnarrsaite b und Bassbordun B.cite-ref-19[19]
Spielweise
Die Drehleier ist vorzugsweise als Begleitinstrument fĂŒr den Gesang geeignet, weil aus technischen GrĂŒnden nur relativ einfache Melodien in einem langsamen Tempo gespielt werden können. Der Grundton der Melodie ist den Bordunsaiten entsprechend a1 und nicht die leere Melodiesaite. Bei einer ruhigen und langsamen Spielweise kann die Schnarreinrichtung der rechten Bordunsaite entfernt werden, wodurch diese Saite leise erklingt. Entgegen dieser halk (âleiseâ) genannten Spielweise wird bei schnellen Tanzliedern das SchnarrplĂ€ttchen besonders fest eingeklemmt. Die Bordunsaiten lassen sich auĂerdem durch ruckartige Kurbelbewegungen rhythmisieren und verstĂ€rken. Bevor eine losgelassene Taste nach auĂen gleitet, wĂ€hrend der Spieler die nĂ€chste Taste bereits gedrĂŒckt hat, vergeht eine gewisse Zeit, in der die leere Melodiesaite zusammen mit den Bordunsaiten zu hören ist.
In einem Tanzmusikensemble wurden der Drehleier bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorzugsweise eine Klarinette (tĂĄrogatĂł) oder seltener eine Violine zugeordnet, um mit diesen Instrumenten die Melodie zu verstĂ€rken, die bei der Drehleier von den lauten Bordunsaiten ĂŒbertönt wird. Die Drehleier, die in der groĂen ungarischen Tiefebene hauptsĂ€chlich in der CsĂĄrdĂĄs-Musik Volkslieder und TĂ€nze begleitete, wurde traditionell ĂŒberwiegend von MĂ€nnern und nur gelegentlich von Frauen gespielt. AnlĂ€sse waren Hochzeiten und andere Familienfeiern mit Tanzveranstaltungen in BauernhĂ€usern.cite-ref-20[20]
Da die Drehleier gut geeignet ist, um einen gleichförmigen Rhythmus zu halten, eignet sie sich fĂŒr CsĂĄrdĂĄs-AuffĂŒhrungen, bei denen einzelne Sets bis zu 45 Minuten dauern.cite-ref-21[21] Die typisch bĂ€uerliche ungarische Volksmusik ist einstimmig und begnĂŒgt sich mit einer Melodielinie und einer Bordunbegleitung. Die tĂĄrogatĂł mit einer konischen Spielröhre wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingefĂŒhrt. Seit dieser Zeit verwenden Bauern auch die Bordunzither citera zur Melodiebegleitung. Einen Bordunton neben der Melodie produziert auch die ungarische Doppelflöte kettĆs furulya. Eine halbprofessionelle Konkurrenz fĂŒr die nebenberuflichen Bauernensembles mit tekerĆlant und tĂĄrogatĂł waren die Zigeunerkapellen, die alte Melodien von der Sackpfeife auf die Geige ĂŒbertrugen. Teilweise verwendeten auch die Zigeunerkapellen zur Geige lediglich als Bordunbegleitung das mit einem Stöckchen geschlagene Saiteninstrument gardon, dessen Resonanzkörper etwa die GröĂe eines Cellos besitzt.cite-ref-22[22]
Nachdem die tekerĆlant um die Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch verschwunden war, begann der aus einem bĂ€uerlichen Umfeld stammende Musiker und VolkssĂ€nger BĂĄrsony MihĂĄly in den 1960er Jahren, die Tradition der Drehleier wiederzubeleben und in den 1970er Jahren in Fernsehauftritten zu popularisieren. Eine 1964 in Budapest veröffentlichte Langspielplatte war die erste einer Serie zur Dokumentation der traditionellen ungarischen Volksmusik. In den unterschiedlichen Volksmusikstilen sind eine Auswahl von Volksmusikinstrumenten zu hören, darunter, Flöte Zither, Violine (hegedƱ), gardon, Reibtrommel (kĆcsĆgduda oder kĆcsĆgbĆgĆ) und tekerĆlant.cite-ref-23[23]
Literatur
âą Arle Lommel, BalĂĄzs Nagy: The Form, History, and Classification of the âTekerĆlantâ (Hungarian Hurdy-Gurdy). In: The Galpin Society Journal, Bd. 60, April 2007, S. 181â189, 109
âą BĂĄlint SĂĄrosi: Die Volksmusikinstrumente Ungarns. (Ernst Emsheimer, Erich Stockmann (Hrsg.): Handbuch der europĂ€ischen Volksmusikinstrumente. Serie 1, Band 1) Deutscher Verlag fĂŒr Musik, Leipzig 1967, S. 50â55
Weblinks
âą How to: NY â hurdy gurdy is beautiful. Youtube-Video (Melissa Kacalanos spielt tekerĆlant in New York)
âą BĂĄrsony MihĂĄly TekerĆzik. Youtube-Video
âą BĂĄrsony MihĂĄly tekerĆzik, Lugosi Tibor klarinĂ©tozik. Youtube-Video
âą TekerĆ Mass in the Catholic church in Tiszaalpar. Youtube-Video (vier Drehleiern beim katholischen Gottesdienst in der Dorfkirche von TiszaalpĂĄr im Komitat BĂĄcs-Kiskun)
Einzelnachweise
cite-note-11. â Vgl. Emanuel Winternitz: Bagpipes and Hurdy-Gurdies in Their Social Setting. In: The Metropolitan Museum of Art Bulletin, New Series, Bd. 2, Nr. 1, Sommer 1943, S. 56â83
cite-note-22. â Peter Williams: The Organ in Western Culture, 750â1250. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. 31
cite-note-33. â Henry George Farmer: ÊżAbdalqÄdir ibn Ä aibÄ« on Instruments of Music. In: Oriens, Bd. 15, 31. Dezember 1962, S. 242â248
cite-note-44. â Christopher Page: The Medieval Organistrum and Symphonia: 1: A Legacy from the East? In: The Galpin Society Journal, Bd. 35, MĂ€rz 1982, S. 37â44, hier S. 38f
cite-note-55. â Vasil HadĆŸimanov: The Dvotelnik, a Macedonian Folk Instrument. In: Journal of the International Folk Music Council, Bd. 15, 1963, S. 82f
cite-note-66. â Christopher Page, 1982, S. 42
cite-note-77. â Andreas Michel, OskĂĄr Elschek: Instrumentarium der Volksmusik. In: Doris Stockmann (Hrsg.): Volks- und Popularmusik in Europa. (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 12) Laaber, Laaber 1992, S. 304
cite-note-88. â Marianne Bröcker: Drehleier. II. Geschichte. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1995)
cite-note-99. â Willi Apel: Harvard Dictionary of Music. Harvard University Press, Cambridge 1969, S. 396
cite-note-1010. â Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 462
cite-note-1111. â Marianne Bröcker: Die Drehleier. 2. Auflage. Verlag fĂŒr systematische Musikwissenschaft, Bonn-Bad Godesberg 1977, S. 424 (englische TeilĂŒbersetzung bei hurdygurdy.com)
cite-note-1212. â Arle Lommel, BalĂĄzs Nagy, 2007, S. 184f
cite-note-1313. â BĂĄlint SĂĄrosi, 1967, S. 50
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